Schon mit 13 Jahren große Erfolge im internationalen Snowboarden, mit 16 Weltranglisten-Erster in seiner Disziplin, jüngster Gewinner der US Open Snowboarding Championships und seit seiner Verletzungspause 04/05 Gewinner beinahe jeden Events, an dem er teilnahm. Shaun White ist sicher eine Größe in seinem Sport. Leider stehen bekanntlich nicht immer große Namen auch für gute Spiele. Wie gut allerdings der Profi-Snowboarder auf der Wii-Piste gelandet ist, wird dieses Review klären.

Ein Name, ein Spiel?
Wenn ein Spiel zeitgleich auf praktisch allen aktuell relevanten Plattformen erscheint, schrillen bei vielen Spielern sofort die Alarmglocken. Gerade als Wii-Spieler musste man schon einiges an lieblosen und halbherzigen Portierungen ertragen, welche die Möglichkeiten der Wii letztlich in keinster Weise auszureizen vermochten.
Allen in dieser Hinsicht leid geplagten Interessenten kann jedoch an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden. Shaun White Snowboarding bekommt auf der Wii nicht nur aus Marketing-Gründen exklusiv den Untertitel "Road Trip". Stattdessen wurde ein von vorn bis hinten völlig eigenständiges Spiel entwickelt. Genau genommen hat diese Auskopplung mit seinen Brüdern der anderen Plattformen nur genau den ersten Teil des Namens gemein, sowie natürlich das sportliche Grundthema.
Nun könnte der Eine oder Andere ein wenig enttäuscht sein, dass sich die Wii-Version so eklatant von den anderen Varianten unterscheidet und dabei im Vergleich einigen deutlichen Einschränkungen unterliegt. Doch dieses Review betrachtet bewusst nur die Wii Version für sich, da ein direkter Vergleich zwischen so unterschiedlichen Spielen schlicht keinen Sinn macht.
*Click* "Hi, hier ist Shaun!"
So in etwa beginnt das eigentliche Spiel. Der arme Mike liegt mit verletztem Fuß im Krankenhaus und seine Snowboarding-Kumpels Gordon und Jasmine leisten brav Beistand. Als allerdings Shaun White anruft und bescheid sagt, dass er in Kanada über die Berge brettern will, gibt es für die beiden Letzteren kein Halten mehr. Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Dort angekommen werden fluchs Fahrer-Charakter und Kamera-Mann bzw. -Frau ausgewählt und schon stürzt man - zu Beginn noch etwas unsicher - die Hänge hinunter und versucht sich zaghaft an den ersten Tricks. Doch schnell bekommt man den Bogen raus, und mit den Erfolgen wächst auch der Spielspaß. Klappt doch einmal etwas auf Anhieb nicht wie geplant, so springt der Ehrgeiz ein, mit ein wenig Übung ist bald alles schaffbar.
Das Spiel ist aufgeteilt auf fünf Gebiete: Kanada, Chile, Schweiz, Japan und USA. Jedes Gebiet bietet eine Anzahl von Events, an denen man teilnehmen kann - und muss, um voran zu kommen. Jedes Event hat seine eigenen, ganz bestimmten Ziele. So muss man einmal einfach möglichst schnell den Berg hinunter kommen, ein anderes Mal möglichst viele Trickpunkte sammeln, wieder ein anderes Mal eine Anzahl bestimmter Gegenstände von der Piste aufsammeln oder aber seine Fähigkeiten in der Half-Pipe unter Beweiß stellen. Jedes Event dauert etwa 2-3 Minuten (pro Versuch), was aufgrund der geringen Anzahl an Events pro Gebiet leider auch eine eher kurze Spielzeit bedeutet.
Die Ziele sind dabei aufgeteilt auf Mut-Ziele und Respekt-Ziele. Um voran zu kommen und Einladungen für weitere Events freizuschalten, muss mindestens das Mut-Ziel geschafft werden. Das Respekt-Ziel ist optional, und schaltet Gimmicks wie die Abzeichen frei, die man sich im virtuellen Laptop anschauen kann. Zwischen den Events werden Auflockerungen freigeschaltet in Form von Emails, die allerdings für das Spiel an sich völlig unwichtig sind und eher der Erheiterung dienen.
Wurden genügend Events auf diese Weise gewonnen, bekommt man ein Ticket für das nächste Gebiet. Man muss übrigens nicht alle Events auf Biegen und Brechen perfekt abschließen, denn man kann auch in vergangene Gebiete jederzeit zurück reisen und das Übrige nachholen. Dies kann ab und an auch sinnvoll sein, denn mit jedem abgeschlossenen Gebiet schließt sich ein weiterer Charakter der kleinen Truppe an, den man fortan als Fahrer oder Kamera-Charakter auswählen kann.
Es kommt auf den Charakter an...
Diese Auswahl hat nicht nur ästhetischen Hintergrund. Würden die meisten männlichen Spieler zu Beginn eher Gordon wählen, und die meisten weiblichen Spieler eher Jasmine, so merkt man doch sehr schnell, dass man sich durch eine falsche Fahrer-Wahl das Leben unnötig schwer macht. Denn jeder Charakter hat seine ganz eigenen Fähigkeiten. Speziell ist Gordon wirklich sehr schnell unterwegs (3 auf Geschwindigkeit), lässt sich aber eher träge Steuern (1 auf Grip) und hat es auch nicht so mit Sprüngen (1 auf Sprung). Für Geschwindigkeits-Fahrten perfekt.
Jasmine dagegen ist eher langsam (1 Geschwindigkeit), fliegt dagegen beinahe wie ein Vogel (3 Sprung), wodurch sie sich natürlich wesentlich besser für Tricks eignet. Weitere Charaktere haben dann bessere Werte auf Grip, was zum Aufsammeln von Gegenständen sehr hilfreich sein kein, oder landen wie eine Katze fast immer wieder auf ihren Füßen (Landen).
Doch nicht nur die Fahrer-Wahl kann über den Sieg entscheiden, auch der Kamera-Charakter hat seinen Einfluss. Wählt man Gordon als Kamera-Mann, so bekommt man durch Sammeln einer bestimmten Zahl von Respekt-Punkten, die man durch Tricks bekommt, einen Geschwindigkeits-Boost, wählt man dagegen Jasmin, so bekommt man einen Sprung-Boost. Andere Fahrer bieten eine Vielzahl weiterer Effekte, zwischen denen man weise wählen sollte, wenn eine bestimmte Abfahrt einfach nicht so recht gelingen mag. So macht sich der Trick-Boost von Zaz ausgesprochen gut, wenn es nur auf das Erreichen einer bestimmten Trickpunkte-Zahl ankommt.

Eine Sache der Balance
Steuern kann man seinen Fahrer auf zwei Arten: Entweder man wählt die Wii Remote und lenkt über das Neigen und Kippen derselben, oder aber man stellt sich direkt - und natürlich sehr viel stilechter - auf das Wii Balance Board und steuert per Gewichtsverlagerung. Gerade letztere Variante ist natürlich eine Besonderheit, die sich niemand entgehen lassen sollte, der ein Balance Board besitzt.
Allerdings geht diese Art der Steuerung natürlich anfangs nicht ganz so leicht von der Hand bzw. vom Fuß, und benötigt ein wenig Übung und ein gutes Gleichgewichtsgefühl, wenn denn alle Aktionen wirklich sitzen sollen. Der Spaß ist nichtsdestotrotz ungleich höher und mag auch einige Spieler motivieren, die normalerweise mit Snowboarden nicht so viel am Hut haben. Ganz auf die Wii Remote verzichten kann man allerdings auch mit dem Balance Board nicht, so startet man bestimmte Tricks und Bewegungen durch das Drücken der Tasten A und/oder B, zusätzlich zu der entsprechenden Gewichtsverlagerung.
Egal welche Art man wählt, die Steuerung wurde in beiden Fällen gut implementiert, und nach ein wenig Übung hat man im wahrsten Sinne alles unter Kontrolle. Schnell bekommt man seine ersten wirklich guten Tricks hin, wenig später auch entsprechend perfekte Landungen, welche zu ganzen Trickserien führen können, was dann natürlich wiederum entsprechend mehr Punkte gibt.
Alle verfügbaren Tricks sind im ansonsten eher zweckmäßigen Handbuch aufgelistet, jedoch ohne genauere Erklärung und nur bezogen auf die Steuerung per Wii Remote. Letzteres ist zu verschmerzen, da eine Seite zuvor das Equivalent zu jeder Wii Remote Bewegung auf dem Balance Board anschaulich aufgezeigt wird. Dennoch sind die ausgeführten Tricks in gewissen Grenzen meist eher Zufall, da immer mehrere Tricks mit der gleichen grundlegenden Bewegung ausgeführt werden, zum Beispiel "Neigen zur Seite + A-Knopf".
Insgesamt wären ein paar Erklärungen mehr für den Perfektionisten noch sinnvoll gewesen, zum Beispiel ob es auf die Stärke der Neigung ankommt, und wenn ja, welcher Trick wird bei wie starker Neigung ausgeführt? Um das Spiel zu spielen (und zu gewinnen) sind solche genauen Informationen jedoch nicht unbedingt wichtig. Denn grundsätzlich reicht es, irgendwelche beliebigen Tricks auszuführen, um die notwendigen Punkte zu sammeln.
Auf dem Balance Board erscheint es anfangs besonders "zufällig", da man die Gewichtsverlagerung nur schwer so genau (oder überhaupt) halten kann. Dies ist jedoch eine reine Übungssache. Es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Wer braucht Fotorealismus?
Diese Frage stellt man sich als Wii-Spieler öfter, machen doch etliche Spiele trotz eher magerer Grafik ausgesprochen viel Spaß. Die Entwickler machten in diesem Fall aus der Not eine Tugend und versuchten gar nicht erst, die realistische Grafik der anderen Plattformen unbedingt auch irgendwie abgespeckt auf die Wii zu bekommen.
Stattdessen wurde das ganze Spiel in einem Comic-Stil gehalten, der überaus gelungen ist. Die ganze Grafik wirkt rund, die Strecken sind weitläufig einzusehen, die Animationen wirklich gelungen und nicht selten muss man - im positiven Sinne - schmunzeln. Es ist einfach liebevoll gemacht, läuft völlig flüssig und passt insgesamt perfekt zusammen. Was will man mehr?

Stimmungsmacher
Einen nicht zu unterschätzenden Effekt auf die Stimmung hat die richtige Musikwahl. So erscheint ein Spiel schnell langweilig, wenn man nur unmotivierendes Gedudel im Hintergrund hört, auch wenn es an und für sich gar nicht schlecht gemacht ist. Umgekehrt kann ein guter Soundtrack auch über die eine oder andere Länge hinweg täuschen.
Letzteres hat Shaun White Snowboarding: Road Trip wohl nicht nötig. Um so erfreulicher, dass die Wahl des Soundtracks dennoch sehr gelungen ist und einen über klassische und auch aktuelle Rock-, Pop- und Alternative- Songs stets bei der Stange bzw. auf dem Brett hält. Dazu geben sich Audioslave, Incubus, Blue Öyster Cult, Ill Scarlett, Jefferson Airplane und viele, viele andere bekannte sowie vergleichsweise unbekannte Interpreten die Ehre. Und auch wenn mal ein Song nicht nach dem eigenen Geschmack ist, so kann man durch drücken der '1'-Taste auf der Wiimote im Spiel und einigen Teilen des Menüs einfach zum nächsten Song weiterschalten.
Auch ansonsten bietet die Audio-Kulisse gewohnte Kost, bei der es an nichts wirklich mangelt. Kratzen über Eis, Applaus vom Publikum in der Half-Pipe, Wind und der dumpfe Klang des Schnees passen ebenso gut, wie die Sprecher der Charaktere. Etwas schade ist, dass es nicht - ähnlich wie bei Excite Truck oder Endless Ocean - noch die Möglichkeit gibt, eigene Musikstücke von einer SD-Speicherkarte abzuspielen, sind doch solche Sportspiele dafür geradezu prädestiniert. Aufgrund der guten Vorauswahl ist dies jedoch zu verschmerzen.
Gruppencarven
Nicht nur allein kann man über die Pisten brettern, es besteht auch die Möglichkeit bis zu drei Freunde mitzunehmen und zusammen oder gegeneinander zu zocken. Dabei stehen drei Modi zur Verfügung. Im Coop-Modus spielen alle zusammen, und müssen die (an die Spielerzahl angepassten) Ziele dann eben auch gemeinsam erreichen. Für jedes Event bekommt man dann eine Bronze-, Silber- oder Goldmedaille, je nachdem, wie gut man das Event zusammen abgeschlossen hat.
Im Splitscreen Modus fahren alle Spieler gegeneinander. Hier steht dann das "Freie Spiel" (einzelne Events) oder der "Cup" (feste Event-Reihen pro Gebiet) zur Verfügung, in denen sich die Mitspieler dann messen können. Im dritten Modus schließlich, dem Hotseat-Modus, fahren alle Spieler nacheinander. Letzterer ist auch der einzige Modus, der allen Mitspielern erlaubt, das Balance-Board zu nutzen. Leider ermöglichen Wii und Spiel nämlich nur die Verbindung zu genau einem Balance Board. In den Coop- und Splitscreen-Modi müssen sich also alle Spieler bis auf einen mit den Wii Remotes begnügen. Zudem verringert sich in diesen beiden Modi bei Nutzung des Boards die maximale Spielerzahl auch von vier auf drei Spieler.
Einen Online-Modus sucht man bei Road Trip leider vergeblich. Dies ist besonders schade, da genau dieser die einzige Möglichkeit gewesen wäre, mehrere Spieler gegeneinander (oder eben zusammen) auf Balance Boards antreten zu lassen.
Fazit
Shaun White Snowboarding: Road Trip ist ein grundsätzlich sehr gelungenes Spiel. Vor allem Besitzer des Balance Boards dürften voll und ganz auf ihre Kosten kommen. Schade nur, dass gerade am Online-Modus wieder gespart wurde, dieser hätte die Sache auf jeden Fall noch deutlich abgerundet. Ein weiterer Kritikpunkt in diesem Zusammenhang ist, dass der Spaß im Einzelspieler-Modus recht schnell vorbei ist, in dieser Zeit wird jedoch gezeigt, wie eine wirklich gute Anpassung auf die technischen Fähigkeiten der Wii auszusehen hat, gegenüber den vielen lieblosen Portierungen der letzten Jahre.
Hat man auch noch die Möglichkeit, mit anderen zusammen zu spielen, erhöht sich die Spieldauer noch einmal, zumal die für sich recht kurzen Events natürlich auch immer mal wieder gut für eine Runde zwischendurch geeignet sind. Allerdings kann dann nur ein Spieler mit einem Balance Board spielen, was wiederum im Grunde das wirklich Besondere an diesem Spiel ausmacht. Denn wenn das nicht die perfekte Steuerungs-Hardware für Snowboarding-Spiele ist, welche dann?
********scheiße